30 Juli 2017

Ich habe mich schon lange nicht mehr so schrecklich gefühlt, wie ich es jetzt gerade tue. Und dabei habe ich noch die letzten Tage darüber nachgedacht, diesen Blog und viele weitere meiner Aktivitäten einzuschränken. Jetzt sitze ich hier und bin froh, dass ich wenigstens das Schreiben noch habe. Ich weiß seit Wochen nicht wo oben und unten ist, was richtig und was falsch, was ich sagen oder was ich tun soll. Gefühlt 5 Stunden am Tag verbringe ich damit, mir selbst einzureden, dass alles gut wird und dass ich durch einen Spaziergang, der oftmals mehrere Stunden beansprucht, bestimmt wieder einen klaren Gedanken fassen können werde. Aber letztendlich läuft es immer auf das Gleiche hinaus: Schuldgefühle und Rastlosigkeit. Ich werde den Gedanken, dass ich etwas falsch gemacht habe, einfach nie los. Die Schuldgefühle schlummern in jeder Ecke, kommen bei jedem Gedanken und jedem Satz, jeder Bewegung und jeder Aktivität auf. Erst vor einige Wochen saß ich meiner Therapeutin gegenüber und sie hat mir nicht geglaubt, dass es mir "ganz gut" geht. "Doch doch, wirklich", habe ich gesagt und ihr die Umstände erklärt, die mir ein relativ gutes Gefühl gegeben haben. Im Grunde genommen frage ich mich jetzt, ob ich es da schon hätte wissen müssen oder es eventuell sogar schon wusste. Die Antworten vom Fragebogen, die sie zu der Zeit vor sich liegen hatte, haben es schließlich ohnehin schon verraten. Es geht mir nicht gut. Nicht einmal ansatzweise. Bilde ich mir das alles denn immer nur ein? Versuche ich tatsächlich so krampfhaft, eine Veränderung hervorzurufen, die nicht passiert? Kann es mir überhaupt gut gehen?

Mein lieber S. Seit Stunden höre ich das bestimmte Stück von Tchaikovsky und die Tränen nehmen kein Ende. Zum Teil wegen dem Schmerz und dem Kummer, der in mir ruht, und zu einem viel größeren Teil wegen meiner Sehnsucht und meiner Schuld. Wie oft musst du abends dagesessen haben, verzweifelt und ungeachtet der schönen Dinge des Lebens und dich verloren gefühlt haben. Wie viele Morgen musst du verbracht haben, in denen du bereits vor dem Aufstehen die Hoffnung in den Tag verloren hast. Wie oft war die mit Alkohol gefüllte Glasflasche der Freund, der ich dir hätte sein können. Es tut mir leid. Es tut mir so leid, und noch viel viel mehr. Ich finde keine Worte, die meinen Schmerz ausdrücken und ich finde keinen Trost für deinen Verlust. Noch weniger finde ich Beschwichtigung für die Schuldgefühle, die ich seit jeher mit mir herum trage. Aber eigentlich mag ich sie. Ich liebe sie sogar. Weil sie mir zeigen, wie sehr ich dich liebe. Und wie sehr ich dich brauche. Und vor allem zeigen sie mir, dass der Schmerz echt ist. Und dass es nicht nur meiner, sondern auch deiner ist. "Geteiltes Leid ist halbes Leid", sagt man immer. Ich hoffe, dass es nicht zu spät ist, deine Leiden zu teilen. Du warst der erste, der meine Mutter darauf angesprochen hat, dass ich nicht mehr so viel lachen würde wie ich es sonst tue. Du warst derjenige, der mich immer so herzlich in den Arm genommen und mich geküsst hast, derjenige, von dem ich mich immer geliebt gefühlt habe. Und ich möchte dass du weißt, dass ich all das schätze. Mehr noch als je zuvor. Ich möchte, dass du weißt, dass ich dich nicht vergesse und auch heute noch deinen Schmerz teile. Ich möchte, dass du weißt, dass du mehr bist, als dein tragischer Tod. Und ich möchte, dass du weißt, dass ich dich liebe. So so sehr.